Die Rechenzentrumsstrategie des Bundes war lange angekündigt und ist nun am 18. März 2026 von der Bundesregierung verabschiedet worden. Mit ihr bekennt sich die Bundesregierung zur Bedeutung dieser kritischen Infrastruktur, um sicherzustellen, dass Deutschland und Europa nicht von der Entwicklung in den Bereichen KI und High Performance Computing abgehängt werden und ihre digitale Souveränität wahren.
Im August 2025 forderte der Bundesminister für digitales und Staatsmodernisierung, Dr. Karsten Wildberger, „Mehr Rechenpower für Deutschland“ und leitete den Konsultationsprozess für die Erarbeitung der nationalen Rechenzentrumsstrategie ein. Im Januar 2026 wurde der erste Entwurf (Stand 2. Januar 2026) bekannt. Wie man auf der Neujahrstagung der German Datacenter Association (GDA) erfahren konnte, war dieser wohl „in der Straßenbahn liegen geblieben“. Wie auf der Veranstaltung des Spatenstich von drei Rechenzentrumsstandorten im Rheinischen Revier von dem Minister verkündet, wurde die von der Bundesregierung beschlossene Strategie noch in der darauf folgenden Woche veröffentlicht.
Die verabschiedete Rechenzentrumsstrategie entspricht weitgehend dem bereits im Januar geleakten Papier. Interessant ist, dass nunmehr zusätzlich und völlig zu recht auch die Bedeutung von Rechenzentren für die „Wirtschaftssicherheit“ betont wird.
Status Quo in Deutschland
Die Strategie befasst sich, einleitend mit dem Status Quo und zählt Stärken und Schwächen des Standorts Deutschland auf.
Stärken:
- Hohe Versorgungssicherheit und gut ausgebaute Strominfrastruktur.
- Zentrale Lage in Europa, exzellente Konnektivität sowie gute Verkehrs und Versorgunginfrastruktur.
- Gewachsene Planung, kompetenzen und funktionierendes Immobilien und Finanzierungsunterlagen hohe Nachfrage, Sicherheit.
- Exzellente staatlich finanzierte Rechenzentrum zu Forschungszwecken.
Schwächen:
- Anschlusskapazitäten im Stromnetz sind knapp, lange Anschlussverfahren.
- Fehlende Verzahnung von Energie und Stadtplanung.
- Hohe Strompreise.
- Flächen in Hotspots knapp.
- Keine vorausschauende Standort-und Raumordnungplanung, nicht auf Wärmenetze und Wasserversorgung abgestimmt.
- Genehmigungsverfahren werden als lang, komplex wahrgenommen.
- Kaum kommerzielle KI-Kapazitäten.
- Abhängigkeit von außereuropäischen Hyperscalern.
- Außereuropäische Hardware dominiert.
Geleitet von der Einsicht, dass eine zukunftsfähige Gesellschaft und wettbewerbsstarke Wirtschaft ohne eine umfassende digitale Transformation nicht denkbar ist, verfolgt die Strategie das Ziel, die IT Anschluss Leistung von Rechenzentren bis 2030 gegenüber 2025 zu verdoppeln und die Anschlussleistung von KI-Rechenzentren innerhalb dieses Zeitraums mindestens zu vervierfachen. Hierzu werden verschiedene Handlungsfelder identifiziert. Aus Sicht eines Rechtsanwalts, der insbesondere im Zusammenhang mit der Entwicklung von Projekten und im Rahmen von Transaktionen mit Rechenzentren befasst ist, sind folgende Inhalte aus den Handlungsfeldern „Energie und Nachhaltigkeit“ sowie „Standort und Fläche“ von besonderem Interesse.
Nachhaltige Rechenzentren
Die Strategie betont das bereits mit dem Energieeffizienzgesetz (EnEfG) verfolgte Ziel des nachhaltigen Rechenzentrums.
Unter der Hinweis auf die Anforderung des EnEfG, ab 2027 den Strombedarf bilanziell zu 100 % aus erneuerbaren Energien zu decken, beabsichtigt die Bundesregierung, die eigene Erzeugung von erneuerbaren Energien durch Rechenzentrumsbetreiber zu stärken. Hierzu will die Bundesregierung einen Dialogprozess zwischen Rechenzentrums- und Energiebranche aufsetzen, in dem langfristige PPA-Modelle, regionale Kopplung mit erneuerbarer Energie und systemdienliche Eigenversorgung angegangen werden.
Pragmatische Herangehensweise bei PUE
Darüber hinaus sollen die Energieeffizienzanforderungen praxisgerecht ausgestaltet werden. Insbesondere sollen im Hinblick auf die Geschäftsmodelle Colocation and Cohosting die Anforderungen an die Energieverbrauchseffektivität (PUE) pragmatisch ausgestaltet werden, da die Betreiber oftmals nur eingeschränkten Einfluss auf den tatsächlichen Energieverbrauch haben. Offen bleibt, wie das erreicht werden soll.
Novelle der Anforderungen an Abwärmebenutzung angekündigt
Da die Standortwahl, wie in dem Strategiepapier festgestellt wird, sehr stark von der vorhandenen Stromanschlussleistung abhängt, fehlt oft ein geeignetes Wärmenetz, in das Abwärme eingespeist werden kann. Daher sollen bei den gesetzlichen Vorgaben zur Abwärmenutzung die jeweiligen Umstände berücksichtigt werden. Es wird angekündigt, Vorschläge für eine Novelle des EnEfG in 2026 vorzulegen. Weitere Einzelheiten zu dieser dringend erforderlichen Novelle werden leider nicht genannt.
Novelle des EnEfG
Man hört, dass es Meinungsverschiedenheiten in der Bundesregierung darüber gibt, wie weit die bestehenden Anforderungen an die Abwärmenutzung gelockert werden sollen. Die im Referentenentwurf des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vom 1. Dezember 2025 enthaltenen Ansätze, die Anforderungen an eine Kosten-Nutzen-Analyse zu koppeln, gehen auf jeden Fall in die richtige Richtung und sollten dringend umgesetzt werden.
Identifizierung geeigneter Flächen
Die Bundesregierung greift die Praxis in anderen Ländern, Vorzugsflächen für Rechenzentren auszuweisen, auf. Dabei verfolgt sie das Ziel, dass vornehmlich Altstandorte (brownfields) wie frühere Kraftwerksstandorte genutzt werden, die bereits über eine gute Infrastruktur verfügen. So lasse sich auch der Flächenverbrauch reduzieren. Für Investoren birgt der Erwerb solcher Standorte aber auch ein erhebliches Risiko, da solche Standorte oft auch Bodenkontaminationen aufweisen. Als Instrument, solche Vorzugsflächen auszuweisen, bietet sich das Regionalplanungsrecht an. Sinnvoll wäre dann sicher auch die Verzahnung mit der Wärmeplanung. Da diese aber nur langsam vorankommt, dürfte dies allenfalls mittelfristig gelingen.
Interessant ist auch die Idee, einen besonderen Zerlegungmaßstab für den Gewerbesteuer-Messbetrag bei Rechenzentren einzuführen. Wie man aus der Planungspraxis weiß, ist ist die Schaffung von Gewerbesteuereinnahmen ein starkes Motiv der Kommunen für die Ansiedlung von Gewerbe.
Praxischeck und Best Practices zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren
Ein wesentliches Anliegen der Rechenzentrumsbranche (wie auch so gut wie jedes anderen Industrie- oder Infrastruktursektors) ist die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Beispiele für die Genehmigung von Rechenzentren, aber auch in den Bereichen Rüstungsindustrie und Energieversorgung (LNG-Terminals), zeigen, dass Verfahren auch zügig durchgeführt werden können. Die Strategie sieht als Maßnahmen einen „Praxischeck“ mit Betreibern und die Etablierung von „Best Practices“ vor. Hier bleibt das Papier sehr vage und offen.
Die Genehmigungbeschleunigung ist ein Anliegen, das weit über die Branche der Rechenzentren hinausgeht, von Bedeutung ist. Zahlreiche Beschleunigung Gesetze sind in der Vergangenheit verabschiedet worden, ohne dass sie einen durchschlagen Erfolg hatten. Die Genehmigungbeschleunigung ist ein Anliegen, das weit über die Branche der Rechenzentren hinausgeht, von Bedeutung ist. Zahllose Beschleunigungsgesetze sind in der Vergangenheit verabschiedet worden, ohne dass sie einen durchschlagenden Erfolg hatten. Wir auch, wenn das materielle Umweltrecht immer strenger wird. Hohe Standards zum Schutz von Natur und Umwelt führen zwangsläufig zu zeitaufwändigen Prüfungen. Insoweit stellt sich die Frage, inwieweit solche Anforderungen im Hinblick auf anderweitige öffentliche Interessen etwa der Schaffung kritischer Infrastruktur relativiert oder handhabbar gemacht werden können. Das ist allerdings ein hartes Brett, an das sich die Strategie nicht heranwagt.
Die Praxis bei der Genehmigung eine Reihe von Rechenzentren hat gezeigt, dass mit einer hohen Professionalität der beteiligten Planer, Gutachter und Rechtsberater Verfahren zügig und rechtssicher abgearbeitet werden können. Ausschlaggebend ist aber auch der Wille der Behörden und Kommunen, das Projekt konstruktiv zu unterstützen und voranzubringen.
Die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung ist wichtig und richtig. Sie bestätigt die Bedeutung der Rechenzentren als Bestandteil einer äußerst kritischen Infrastruktur, die für die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Deutschland essenziell ist. Im aktuellen politischen Umfeld kann deren Bedeutung für die Sicherheit und Resilienz Deutschlands und Europas nicht unterschätzt werden. Für die betrachteten Handlungsfelder beschränkt sie sich aber lediglich auf allgemeine Absichtserklärungen ohne konkrete Inhalte.
Weitere Themenfelder, wie die die Auswirkung der Strategie auf den Immobilienmarkt, das Energiewirtschaftsrecht sowie die Technologieentwicklung werden in separaten Beiträgen beleuchtet.
