Obwohl sie zu den fhrenden Pharmastandorten der Welt zhlt, ist die Schweiz bei Medikamenten eine Hochpreisinsel. Im Lichte des Patienten-, aber auch des Patentschutzes muss die Preisfestsetzung grundstzlich hinterfragt werden.

Andreas Wildi

23.6.2018, 05:30 Uhr

Jedes Arzneimittel, das einen Nutzen generiert, den ein anderes Arzneimittel nicht bewirken kann, gehrt uneingeschrnkt vergtet. (Bild: Ralf Hirschberger / EPA)

Wie wird in der Schweiz beurteilt, ob ein Medikament zu teuer ist? Immer wieder werden einzelne Arzneimittel grundstzlich oder fr bestimmte Patienten als zu kostspielig bezeichnet und nicht vergtet. Betroffen sind meist Menschen mit einer seltenen Erbkrankheit, denen unsere grsste Solidaritt gehren sollte. Zustndig sind die Bundesmter fr Gesundheit und fr Sozialversicherungen sowie die einzelnen Krankenversicherer und kantonalen IV-Stellen.

Es darf bei einem einzelnen Arzneimittel oder einem Arzneimittel fr einen einzelnen Patienten nie um den Preis gehen, wenn dieser den Durchschnitt der Preise anderer Lnder, in die wir zu unser aller finanzieller Wohl viele Arzneimittel exportieren, nicht bersteigt.

Zynisches Paradoxon

Wie knnen wir mit unserer Pharmaindustrie Steuersubstrat generieren, aber ein einzelnes Arzneimittel im Inland nicht finanzieren, obwohl dieses just auf der Preisbasis angeboten wird, die wir international mittragen?

Der Schweizer Staat schtzt Arzneimittel durch Patente und andere Schutzrechte vor Nachahmern. Das ist richtig. Aber wenn wir diesen staatlichen Schutz gewhren, dann kann derselbe Staat nicht eine Preisfestsetzung anwenden, die Arzneimittel zu teuer werden lsst. Das wre ein zynisches Paradoxon.

In der Schweiz schreiben wir im Wesentlichen die Medikamentenpreise anderer Lnder ab.

Wenn die solidarische Schweiz ein Arzneimittel nicht vergten will, von dem Mitmenschen, die von einem Erbgutdefekt betroffen sind, einen Nutzen erwarten drfen, dann stimmt etwas mit der Preisfestsetzung nicht. Jedes Arzneimittel, das einen Nutzen generiert, den ein anderes Arzneimittel nicht bewirken kann, gehrt uneingeschrnkt vergtet. Ein Arzneimittel ist kein knappes Gut wie etwa eine Pflegestunde. Es kann wie eine Software mit wenigen Ausnahmen ohne grossen Aufwand beliebig zur Verfgung gestellt werden.

Es fehlt an strategischer staatlicher Positionierung in diesem fr unser Land krankenversicherungsrechtlich wie exportwirtschaftlich zentralen Thema. Stattdessen messen wir einem einzelnen Arzneimittel ohne Massstab einen zu hohen Preis an. Der Nutzen sei nicht hoch genug. Wer

soll denn diesen Nutzen fr eine Patientengruppe oder einen einzelnen Menschen beurteilen? Wollen wir ernsthaft eine MenschenlebenWertevermessung anstreben?

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Pharma-Pricing ist ein makrokonomisch zu lsendes Problem. Es muss national wie international ein Preisfestsetzungssystem existieren, in das sich einzelne Arzneimittel einordnen lassen. Im Rahmen eines solchen Systems drfen wir den Wert eines Arzneimittels messen und ihm einen entsprechenden Preis zuschreiben. Ein zu teures Arzneimittel hat es aber nicht zu geben.

Wer bestimmt den Preis?

In der Schweiz schreiben wir im Wesentlichen daran ndern die oberflchlichen therapeutischen Quervergleiche wenig die Preise anderer Lnder ab. Das muss nicht falsch sein. Wir forschen, entwickeln, produzieren und handeln. Sollen wir uns selbst Preise geben? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Eine Frage, die wir uns aus strategischer und humanistischer Perspektive nie gestellt haben.

Was wir nicht tun drfen, ohne uns fahrlssig an einzelnen Patienten zu versndigen: Wir knnen nicht Therapien nicht vergten, obwohl diese genau dem Pharma-Pricing folgen, das wir zurzeit explizit oder zumindest implizit fr richtig halten und dem wir einen beachtlichen Teil unseres Wohlstandes verdanken. Jede Zeit hat ihre eigenen ethischen Herausforderungen und Positionswidersprche.

Als Gemeinwesen htten wir die Chance, hier und jetzt, den Zugang zu wirksamen Arzneimitteln nie, einfach nie einzuschrnken und gleichzeitig so lange zu ringen, bis wir die Preisfrage gelst htten. Wenn die offizielle Schweiz und die hiesige Pharmaindustrie darauf hinwirken, dass dieser Vergtungsgrundsatz im Inland und in jedem Absatzmarkt gilt, dann knnen wir mit Arzneimitteln auch guten Gewissens gutes Geld verdienen. Wir haben dann jedes Recht, fr die Achtung unserer Patentrechte einzustehen. Arzneimittel mssen im In- und Ausland fair verkauft und fair eingekauft werden knnen.

Wir retten die Grundversicherung und die IV nicht durch oberflchliche Kosteneinsparungsbungen. Wir retten sie dann, wenn wir jeden therapeutischen Fortschritt bezahlen. Nur so wissen wir ehrlich, was wir bezahlen mssen, und knnen das Pricing danach ausrichten.

Die Verantwortung ist gross. Im Moment beschrnken wir Vergtungen im Einzelfall sei es pro Patient oder pro Therapie , weil dies der vermeintlich einzige Weg ist, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Das ist eine teure Illusion. Der Preis? Das Ende der egalitren Sozialversicherungen sogar im Arzneimittelbereich. Just dort, wo Gleichberechtigung nicht nur Leitstern sein muss, sondern faktisch uneingeschrnkt mglich ist.

Andreas Wildi ist Arzt und Rechtsanwalt in Zrich und Bern und spezialisiert auf schweizerisches und internationales Vergtungs- und Preisfestsetzungsrecht bei Arzneimitteln und Medizinaltechnikprodukten. Er war Leiter der Sektion Medikamente des Bundesamtes fr Gesundheit.