Wi­der­le­gung der Ver­mu­tung ei­ner ein­ge­tre­te­nen Zah­lungs­un­fä­hig­keit durch Ein­ho­lung ei­nes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens (BGH, Be­schluss vom 12. Sep­tem­ber 2019 – IX ZR 342/18)

Ein kürz­lich er­gan­ge­ner Be­schluss des BGH setzt sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der, wie der An­fech­tungs­geg­ner der An­nah­me der Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners im Pro­zess ent­ge­gen­tre­ten kann.

Ei­ni­ge In­sol­venz­an­fech­tungs­tat­be­stän­de set­zen die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners und/oder die Kennt­nis des An­fech­tungs­geg­ners von der Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners vor­aus.

Die Dar­le­gungs- und Be­weis­last für die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners so­wie die Kennt­nis des An­fech­tungs­geg­ners trägt da­bei der an­fech­ten­de In­sol­venz­ver­wal­ter. Wäh­rend die Kennt­nis oft nur über In­di­zi­en nach­weis­bar ist, kann die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners po­si­tiv über ei­ne sog. Li­qui­di­täts­bi­lanz nach­ge­wie­sen wer­den. Da­bei han­delt es sich um ei­ne ei­nen ge­wis­sen Zeit­raum ab­de­cken­de Ge­gen­über­stel­lung der dem Schuld­ner zur Ver­fü­gung ste­hen­den li­qui­den Mit­tel und sei­ner fäl­li­gen, ein­re­de­frei­en Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen. Die Li­qui­di­täts­bi­lanz wird üb­li­cher­wei­se auf Ba­sis der Buch­hal­tung des Schuld­ners ent­wi­ckelt. – Im An­fech­tungs­pro­zess wird die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners auch im Fal­le ei­ner (nach­zu­wei­sen­den) Zah­lungs­ein­stel­lung über die (wi­der­leg­li­che) Ver­mu­tung des § 17 Abs. 2 S. 2 In­sO an­ge­nom­men.

Für den An­fech­tungs­geg­ner kann es im Rechts­streit ent­schei­dend sein, die vom In­sol­venz­ver­wal­ter für das Be­ste­hen ei­ner Zah­lungs­un­fä­hig­keit vor­ge­tra­ge­nen In­di­zi­en zu ent­kräf­ten bzw. die Ver­mu­tung des § 17 Abs. 2 S. 2 In­sO zu wi­der­le­gen. Zu die­sem Zweck kann der An­fech­tungs­geg­ner nach An­sicht des BGH die Er­stel­lung ei­ner Li­qui­di­täts­bi­lanz durch ei­nen Sach­ver­stän­di­gen be­an­tra­gen. So­fern das er­ken­nen­de Ge­richt ei­nen ent­spre­chen­den Be­weis­an­trag des An­fech­tungs­geg­ners nicht be­rück­sich­tigt, stellt dies nach An­sicht des BGH ei­nen Ver­stoß ge­gen den An­spruch auf recht­li­ches Ge­hör (Art. 103 Abs. 1 GG) dar.

Da dem An­fech­tungs­geg­ner in al­ler Re­gel die In­for­ma­tio­nen feh­len, die für ei­nen Nach­weis der Zah­lungs­fä­hig­keit des Schuld­ners er­for­der­lich wä­ren, muss der An­fech­tungs­geg­ner nach An­sicht des BGH im Rah­men des Be­weis­an­trags kei­ne An­knüp­fungs­tat­sa­chen vor­tra­gen.

Aus Sicht des An­fech­tungs­geg­ners ist die Ent­schei­dung des BGH po­si­tiv zu be­wer­ten; wer­den durch sie doch die Mög­lich­kei­ten der Ver­tei­di­gung ge­gen die An­fech­tung grund­sätz­lich ge­stärkt. Al­ler­dings ist zu be­ach­ten, dass ein ent­spre­chen­des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten häu­fig ho­he Kos­ten ver­ur­sa­chen wird. Auch ist es dem An­fech­tungs­geg­ner – so­fern er wirk­lich kei­nen Ein­blick in die fi­nan­zi­el­len Ver­hält­nis­se des Schuld­ners hat­te – im Vor­aus nicht mög­lich ab­zu­se­hen, ob das Gut­ach­ten die Zah­lungs­fä­hig­keit oder viel­mehr die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners nach­wei­sen wird.

Un­klar ist auch, wie die Er­stel­lung des Gut­ach­tens in der Pra­xis er­fol­gen soll, so­fern kei­ne An­knüp­fungs­tat­sa­chen vor­ge­tra­gen wur­den. Muss der Gut­ach­ter zu­nächst kos­ten­in­ten­siv die kom­plet­te Buch­hal­tung des Schuld­ners durch­ar­bei­ten oder wird es die Auf­ga­be des In­sol­venz­ver­wal­ters sein, dem Gut­ach­ter die Buch­hal­tungs­un­ter­la­gen des Schuld­ners (ge­ord­net?) zu über­ge­ben?

Es bleibt ab­zu­war­ten, wie die­se Fra­gen in der ge­richt­li­chen Pra­xis ge­löst wer­den und ob in Zu­kunft tat­säch­lich si­gni­fi­kant häu­fi­ger Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zum Be­weis der Zah­lungs­fä­hig­keit ein­ge­holt wer­den.