Das (industrielle) Internet der Dinge wird geprägt durch die umfassende Vernetzung von Gegenständen, Gebäuden, Maschinen und sonstigen Objekten oder Teilen davon. Die Geräte sind sowohl untereinander vernetzt als auch mit dem Internet. Die umfassende Vernetzung ändert dabei die Produktionsprozesse und Arbeitsprozesse, Geschäftsmodelle, aber auch das Konsumverhalten, so nachhaltig, dass teilweise von einer „vierten industriellen Revolution“ gesprochen wird.

Zuverlässige Vernetzung durch Standards

Damit die Vernetzung zuverlässig und sicher erfolgen kann, bedarf es eindeutiger und qualitätsgesicherter Standards, Protokolle und Schnittstellen, die die Kommunikation auf den verschiedenen Ebenen des Datenaustauschs und der Steuerung sicherstellen. Vielfach wird hier davon ausgegangen, dass gerade „offene Standards“ in besonderer Weise geeignet sind, die Vernetzung von unterschiedlichsten Geräten verschiedenster Hersteller optimal zu fördern. Die Entwicklung des Internet und der Telekommunikation, zwei wesentlichen Grundpfeilern des Internet of Things, haben eindrucksvoll bewiesen, wie die Entwicklung offener Standards die technologische Entwicklung insgesamt vorantreiben kann. Sie zeigen aber auch, wie schwierig der Weg zur Entwicklung von Standards vielfach sein kann.

Quelloffene Software hilfreich für die Entwicklung des Internet of Things

Neben offenen Standards wird vielfach auch die quelloffene Entwicklung von Software („Open Source Software“) als für die Entwicklung des Internets der Dinge hilfreich angesehen, wobei die Ansichten darüber, ob es sich um eine allgemein überlegene Strategie oder eher um eine Vorgehensweise für spezifische Projekte handelt, durchaus variieren. Tatsächlich hat die Digitalisierung in den vergangenen 25 Jahren eine erhebliche Anzahl eindrucksvoller Open Source Projekte hervorgebracht: Linux, Apache, MySQL, Firefox und Android (mehr als 85 Prozent Marktanteil bei Smartphone-Betriebssystemen) sind nur einige Beispiele. Und auch im spezifischen IoT-Umfeld finden sich bereits eine Vielzahl wesentlicher Open Source Projekte.

Die strategische Produkt- und Geschäftsentwicklung im Unternehmen in einem sich mehr und mehr vernetzenden Umfeld ist mit Fragen zum Einsatz spezifischer (offener) Standards und zur richtigen (ggf. offenen) Softwareentwicklungsstrategie eng vernetzt. Unter anderem die folgenden (eher rechtlichen) Punkte sind dabei zu berücksichtigen:

Open Standards

Für die Frage, wann ein Standard „offen“ ist, gibt es keine einheitliche Definition. Jeder Standard benötigt ein gewisses Maß an Offenheit, um sich überhaupt als Standard durchsetzen zu können. Die Definition der Open Standards, die unter anderem von IEEE, ISOC, W3C, IETF und IAB getragen wird, sieht die folgenden Open Standards Prinzipien vor.

1. Cooperation

Respectful cooperation between standards organizations, whereby each respects the autonomy, integrity, processes, and intellectual property rules of the others.

2. Adherence to Principles

Adherence to the five fundamental principles of standards development:

  • Due process. Decisions are made with equity and fairness among participants. No one party dominates or guides standards development. Standards processes are transparent and opportunities exist to appeal decisions. Processes for periodic standards review and updating are well defined.
  • Broad consensus. Processes allow for all views to be considered and addressed, such that agreement can be found across a range of interests.
  • Transparency. Standards organizations provide advance public notice of proposed standards development activities, the scope of work to be undertaken, and conditions for participation. Easily accessible records of decisions and the materials used in reaching those decisions are provided. Public comment periods are provided before final standards approval and adoption.
  • Balance. Standards activities are not exclusively dominated by any particular person, company or interest group.
  • Openness. Standards processes are open to all interested and informed parties.

3. Collective Empowerment

Commitment by affirming standards organizations and their participants to collective empowerment by striving for standards that:

  • are chosen and defined based on technical merit, as judged by the contributed expertise of each participant;
  • provide global interoperability, scalability, stability, and resiliency;
  • enable global competition;
  • serve as building blocks for further innovation; and
  • contribute to the creation of global communities, benefiting humanity.

4. Availability

Standards specifications are made accessible to all for implementation and deployment. Affirming standards organizations have defined procedures to develop specifications that can be implemented under fair terms. Given market diversity, fair terms may vary from royalty-free to fair, reasonable, and non-discriminatory terms (FRAND).

5. Voluntary Adoption

Standards are voluntarily adopted and success is determined by the market.

Die Offenheit geht in dieser Definition – ersichtlich im Standardsetzungsprozess, im Zugang zum und in der Verwaltung des Standards – deutlich über eine schlichte grundsätzliche Lizenzierbarkeit auf dem Markt hinaus. Allerdings bedeutet die „Offenheit“ hier keinesfalls, dass der Standard auch kostenfrei verfügbar sein muss; eine Lizenzierung zu „fair, reasonable, and non-discriminatory terms (FRAND)“ ist zulässig. Demgegenüber wollen andere Definitionen die Möglichkeit von Lizenzgebühren ausschließen oder beschränken (ein Überblick über verschiedene Definitionen von Open Standards findet sich hier.

Die Rolle der Unternehmen

Tatsächlich ist die Frage des Umgangs mit und der wirtschaftlichen Verwertbarkeit von unternehmenseigenem IP vielfach ein wesentlicher Faktor in der Entscheidung von Unternehmen, sich an spezifischen (offenen) Standardentwicklungen zu beteiligen oder dies gerade nicht zu tun. Hier sind Leitentscheidungen im Unternehmen erforderlich, die den Korridor klar bestimmen.

Auch auf Seiten der Unternehmen, die Standards implementieren, stellen sich zahlreiche technische, entwicklungsstrategische und kommerzielle Fragen bei der Wahl der „richtigen“ (offenen) Standards, zumal in einem Umfeld, bei dem – wie in weiten Bereichen des Industriellen Internet – noch keine abschließende Konsolidierung der „Standards“ erfolgt ist. Diese beinhalten unter anderem:

  • Tiefe der Integration spezifischer Standards;
  • mittel- und langfristige Verfügbarkeit und Weiterentwicklung von Standards;
  • Verlässlichkeit der kommerziellen Rahmenbedingungen der Lizenzierung;
  • Stabilität der Standards gegenüber Angriffen Dritter.

Mit den Vorgaben der verschiedenen standardsetzenden Organisationen an die offene Standardentwicklung sollen geeignete Rahmenbedingungen gesetzt werden, um diese Ziele zu erfüllen; das dies nicht immer gelingt, zeigen allerdings die Auseinandersetzungen und Diskussionen über standardessentielle Patente nur allzu deutlich. Artikel “IoT - Welcome to the patent wars?” von Dr. Dietrich Kamlah lesen

Open Sources

Die Diskussion der Frage, ob Software für spezifische Anwendungsbereiche proprietär oder quelloffen entwickelt werden sollte, hat die Ebene der ideologischen Auseinandersetzungen der 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lange verlassen. Die Wahl der Entwicklungs- und Lizenzierungsstrategie folgt in Unternehmen vielfach rein rationalen Abwägungsentscheidungen: Während bei der proprietären Entwicklung und Lizenzierung ein weitergehender Schutz der eigenen IP-Rechte und eine kommerzielle Ausbeutung derselben im Vordergrund steht, ermöglicht der Rückgriff auf Open Source Entwicklungs- und Lizenzierungsstrategien gegebenenfalls den weitergehenden Rückgriff auf vorbestehenden Code und die weitergehende Kompatibilität mit anderen Komponenten oder Applikationen.

Wichtig ist dabei zu beachten, dass Open Source keineswegs bedeutet, dass der entsprechend lizenzierte Code vollständig frei genutzt werden kann. Tatsächlich sehen alle Open-Source-Lizenzen verschieden weitreichende Pflichten für den Weitervertrieb und die Weiterentwicklung entsprechender Software vor. Überblick über verschiedene Lizenzen und ihre Pflichten

Open Sources: Kategorien und Umgang

Versucht man, die unterschiedlichen Open Source-Lizenzen zu kategorisieren (eine Definition von „Open Source“ findet sich hier: https://opensource.org/osd-annotated), so liegt der wesentlichste Unterschied sicherlich bei der Frage, welche Anforderungen an die Verbreitung von eigenen modifizierten Versionen einer entsprechend lizenzierten Software gestellt werden:

  • „Copyleft-Lizenzen“ sehen eine Pflicht vor, eigene Weiterentwicklungen – jedenfalls sofern diese nicht nur intern genutzt werden – unter derselben Open Source-Lizenz an jedermann zu lizenzieren. Eigene Entwicklungen werden also damit zwingend auch „Open Source“. Damit soll sichergestellt werden, dass alle, die von Open Source-Software profitieren, ihre Weiterentwicklungen auch der Entwicklergemeinschaft zur Verfügung stellen.
  • „Non-Copyleft-Lizenzen“ enthalten keine entsprechende Verpflichtung. Weiterentwicklungen können hier auch proprietär vertrieben werden.

 Der Umgang mit Open Source-Code ist in der Praxis keineswegs trivial:

  • Ist die Unternehmensstrategie auf den Vertrieb proprietärer Produkte ausgerichtet, ist durch geeignete technische und organisatorische Maßnahmen sicherzustellen, dass kein Copyleft Code Eingang in die Codebasis findet. Dies fängt bei der entsprechenden Aufklärung der Mitarbeiter (und eventueller eingeschalteter Drittunternehmen) an und setzt sich in der Kontrolle der Codebasis mithilfe entsprechender Tools fort.
  • Sollen Open Source-Produkte genutzt werden, ist schon bei Weiterentwicklung darauf zu achten, dass die Lizenzen der verwendeten Codebestandteile untereinander lizenz-kompatibel sind. Und beim Vertrieb ist sicherzustellen, dass die relevanten Open Source Lizenzbedingungen in der Vertriebskette eingehalten werden. Dies kann durchaus eine organisatorische Herausforderung sein.