Die steuerrechtlichen Auswirkungen, die ein EU-Austritt Großbritanniens mit sich bringen würde, soll ein entsprechendes Begleitgesetz zumindest abfedern.

Am 29. März 2017 unterrichtete das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland den Europäischen Rat von seiner Absicht, aus der Europäischen Union (EU) auszutreten. Damit leiteten die Briten offiziell das Verfahren nach Art. 50 des Vertrags über die Europäische Union (EUV) ein. Die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU hätte folglich mit Ablauf des 29. März 2019 enden sollen. Doch es kam anders. Nun ist der Brexit zum zweiten Mal verschoben worden, voraussichtlich bis 31. Oktober 2019. Mit Ablauf dieses Datums, wäre das Vereinigte Königreich, das mit dem Austritt aus der EU auch aus dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ausscheidet, für steuerliche Zwecke als Drittstaat zu behandeln. Um einen geordneten Austritt der Briten aus der EU zu ermöglichen, haben die Staats- und Regierungschefs der verbleibenden 27 EU-Mitgliedstaaten den Entwurf eines Austrittsabkommens (Draft Withdrawal Agreement – DWA) im Sinne des Art. 50 Abs. 2 EUV mit dem Vereinigten Königreich ausgehandelt. Dieses DWA wurde vom britischen Parlament dreimal abgelehnt. Aktuell ist nicht abzusehen, wann und wie Großbritannien aus der EU ausscheiden wird, wobei auch ein harter Brexit immer noch nicht ausgeschlossen ist.

Folgen eines harten Brexits

Bei einem harten Brexit würden für alle Steuerpflichtige im Hinblick auf das Vereinigte Königreich alle steuerlichen Privilegien wegfallen, die für Privatpersonen und Gesellschaften mit Sitz oder Geschäftsleitung in einem EU- und EWR-Mitgliedstaat gelten, da das Vereinigte Königreich mit dem Ausscheiden aus der EU kein EU-Mitgliedsstaat mehr ist und die in Großbritannien ansässigen Personen und Unternehmen dementsprechend auch nicht mehr die europäischen Grundfreiheiten und Sekundärrechte für sich beanspruchen können. Hierbei handelt es sich etwa um folgende Regelungen beziehungsweise Regelungsbereiche:

  • Mutter-Tochter-Richtlinie, § 43b EStG
  • Zins- und Lizenzrichtlinie, § 50g EStG
  • EU- und EWR-Gesellschaften als Organträger, §§ 14, 17 KStG
  • Hinzurechnungsbesteuerung nur, wenn keine tatsächliche wirtschaftliche Tätigkeit verfolgt wird, § 8 Abs. 2 AStG
  • Steuerstundung bei Wegzug in einen EU- oder EWR-Mitgliedstaat, § 6 Abs. 5 AStG
  • Bildung von Ausgleichsposten bei Überführung von Wirtschaftsgütern in einen EU- oder EWR-Mitgliedstaat, § 4g EStG
  • Übertragung stiller Reserven auf Wirtschaftsgüter in einem EU- oder EWR-Mitgliedstaat, § 6b Abs. 2a EStG
  • die gewerbesteuerliche Kürzung von Beteiligungseinkünften aus Kapitalgesellschaften gemäß Mutter-Tochter-Richtlinie, § 9 Nr. 7 Satz 2 Gewerbesteuergesetz (GewStG)

Darüber hinaus könnten sich Steuerpflichtige im Hinblick auf das Vereinigte Königreich grundsätzlich nicht mehr auf den Schutz der europäischen Grundfreiheiten berufen. Die Anwendbarkeit des europäischen Primär- und Sekundärrechts im Hinblick auf Großbritannien würde entfallen. Sofern der Anwendungsbereich nationaler Regelungen durch die europäischen Grundfreiheiten konkretisiert oder eingeschränkt wurde, dürfte die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) insoweit – vorbehaltlich der Kapitalverkehrsfreiheit gegenüber Drittstaaten – keine Geltung mehr entfalten.

Brexit-Steuerbegleitgesetz

Mit dem Gesetz über steuerliche und weitere Begleitregelungen zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, dem Brexit-Steuerbegleitgesetz (Brexit-StBG), möchte die Bundesrepublik Deutschland die steuerlichen Folgen eines harten Brexits abfedern. Die Ursprungsfassung des Brexit-Steuerbegleitgesetz wurde mit weiteren Änderungen des Finanz- und Wirtschaftsausschusses am 21. Februar 2019 vom Bundestag verabschiedet (BT-Drs. 19/7959). Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 15. März 2019 dem Brexit-StBG zugestimmt. Das Gesetz ist dann am 29. März 2019 in Kraft getreten. Nach einem nicht ganz einheitlichen Regelungsmuster wird in dem Brexit-StBG an verschiedenen Stellen geregelt, dass der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU keine nachteiligen Steuerfolgen für die Steuerpflichtigen auslösen sollen. Das gilt etwa im Hinblick auf

  • § 4g Abs. 2 Nr. 2 und Abs. 3 EStG (vgl. § 4g Abs. 6 EStG-E)
  • § 6b Abs. 1 EStG (vgl. § 6b Abs. 2a EStG-E)
  • § 12 Abs. 3 KStG (vgl. § 12 Abs. 3 a.E. KStG-E)
  • § 22 Abs. 1 Satz 6 Nr. 6 UmwStG (vgl. § 22 Abs. 8 UmwStG-E) und
  • § 6 Abs. 5 Satz 4 AStG (vgl. § 6 Abs. 8 AStG-E)

Die vorstehenden Änderungen wurden in der Literatur bereits ausführlich besprochen und werden deshalb nachfolgend nicht mehr dargestellt (vgl. Richter/Schlücke, IStR 2019, S. 51ff.; Schrade, DStR 2018, S.1898ff.; Schneider/Stoffels, Ubg 2019, S. 1ff.). Sie führen im Allgemeinen dazu, dass das VK für steuerliche Zwecke weiterhin als EU-Mitgliedsstaat behandelt wird. Neu hinzugekommen sind am 21. Februar 2019 weitere Regelungen im Hinblick auf die Erbschaft- und Schenkungsteuer, die Grunderwerbsteuer und die Behandlung von Limiteds. Diese werden nachfolgend kurz dargestellt.