Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) veröffentliche Mitte Juni 2018 die Studie „Big Data trifft auf künstliche Intelligenz – Herausforderungen und Implikationen für Aufsicht und Regulierung von Finanzdienstleistungen“ („BDAI-Studie“). Die Studie arbeitet vor dem Hintergrund der technologischen Entwicklungen bei der Datenverarbeitung und -analyse mögliche Strategien für InsurTechs heraus.

BDAI – Big Data und Artificial Intelligence

In der Informationstechnologie vollzieht sich momentan ein Paradigmenwechsel: Während früher das Verhalten komplexer Systeme von Menschen nach vorgegebenen Parametern programmiert wurde, revolutioniert heute das Machine Learning als Schlüsseltechnologie für die künstliche Intelligenz die Entwicklung kognitiver Systeme. Der Auslöser dieser Revolution ist die umfangreiche Verfügbarkeit von großen Datenmengen (Big Data). Diese verhilft dem Machine Learning zu Durchbrüchen, die den Computer in Teilen sogar an die Lernfähigkeiten des Menschen heranreichen lassen. Das hat zur Folge, dass – genügend Daten vorausgesetzt – Probleme lösbar werden, für die durch die klassische Programmierung keine Lösung entwickelt werden kann. Vor diesem Hintergrund beleuchtet die BDAI-Studie die Implikationen der technologiegetriebenen Marktentwicklungen aus verschiedenen regulatorischen und aufsichtlichen Perspektiven. Die BaFin stellt aber zugleich klar, dass die Geschäftsleitung auch mit Blick auf BDAI-Anwendungen ihre Verantwortung weder automatisieren noch auslagern kann. Komplexe Modelle dürften nicht zu intransparenten Entscheidungen führen und einer ordnungsgemäßen Geschäftsorganisation im Weg stehen. Welche Anforderungen die BaFin konkret im Hinblick auf die IT an Versicherungsunternehmen beabsichtigt zu stellen, können Sie in diesem Beitrag lesen.

InsurTechs können die Kundenschnittstelle besetzen

Für den gesamten Bereich der Finanzdienstleistung prognostiziert die BDAI-Studie eine stärkere Entkoppelung von Kundenschnittstelle und Kernprozess, welche neben den technischen Möglichkeiten stark von veränderten Kundenerwartungen bedingt wird. Vor diesem Hintergrund sieht die Studie Potenzial für den Eintritt beziehungsweise für die Etablierung von InsurTechs auf dem Versicherungsmarkt: Diese könnten nämlich aufgrund ihrer Expertise in datengetriebenen Geschäftsmodellen versuchen, die Kundenschnittstelle durch stärker personalisierte Dienstleistungen und Ansprachen zu besetzen und damit den veränderten Erwartungen der Kunden entsprechen. Zugleich konstatiert die Studie, dass InsurTechs, die diesen Ansatz verfolgen würden, aktuell häufig als Versicherungsvermittler agieren würden. Denkbar sei auch, dass sie den Zugang zu neuen relevanten Daten nutzen könnten, um selbst oder zusammen mit traditionellen Versicherungsunternehmen eigene Versicherungsprodukte anzubieten. Ein weiteres mögliches Szenario bestünde darin, dass sich traditionelle Versicherungsunternehmen mittel- bis langfristig bewusst aus den Kundenschnittstellen zurückziehen beziehungsweise aus ihnen verdrängt werden. Eine Verdrängung wäre unter anderem dann denkbar, wenn InsurTechs den Versicherungsnehmern eine nachhaltig bessere „Customer Experience“ anbieten könnten. Dieses Szenario würde eine stärkere Zusammenarbeit von InsurTechs und traditionellen Versicherungsunternehmen implizieren. Letztere würden sich dann auf ihre versicherungsfachlichen Kernfunktionen wie zum Beispiel die Risikoträgerschaft fokussieren (können). Vorstellbar ist aber zugleich, dass die traditionellen Versicherer eine neue Kernfunktion entwickeln: Sie könnten Daten als anonymisierte Datenpakete unter Beachtung des Verbots des Betriebs von versicherungsfremden Geschäft sowie der datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen an andere Unternehmen veräußern. Welche Voraussetzungen gelten, um das Verbot des Betriebs von versicherungsfremden Geschäft einzuhalten, können Sie in diesem Beitrag lesen.

Aktuell noch Vorteile bei den großen Versicherungsunternehmen

Trotz des Potenzials sieht die Studie momentan noch Vorteile bei den großen Versicherungsunternehmen, sodass eine fundamentale Veränderung am Markt durch den Eintritt neuer bzw. bestehender InsurTechs nicht absehbar sei. Das beruht insbesondere auf den folgenden Annahmen: Im Hinblick auf die Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen bestünde in der Regel mehr Expertise bei traditionellen Versicherungsunternehmen im Vergleich zu InsurTechs. Für die oftmals noch jungen Unternehmen gilt nämlich keine Aufsicht „light“ (vertiefend dazu dieser Beitrag). Des Weiteren könnten die InsurTechs an sich leicht in die Strukturen traditioneller Versicherungsunternehmen integriert werden. Schließlich würde es dem Großteil der InsurTechs an einer breiten Kundenbasis fehlen. Dass die Vorteile der traditionellen Versicherungsunternehmen aber nicht von Dauer sein müssen, zeigt die folgende Überlegung der Studie: Einzelne InsurTechs könnten gleichwohl First-Mover-Vorteile nutzen, da sie bereits umfangreiche Erfahrungen in der Anwendung von BDAI-Technologie haben. Daher könnte es Ihnen sogar möglich sein, konventionelle Versicherungsunternehmen mit hohen Investitionsbudgets durch günstigere Tarife zu unterbieten. Daneben profitieren InsurTechs von ihrer originären Kernkompetenz, der konsequenten Anwendung von digitalen Technologien zur Datenverarbeitung und -analyse: Sie könnten frei von Altlasten wie beispielsweise Legacy-IT-Systemen Kostenvorteile in der Entwicklung und dem Angebot von Versicherungsprodukten erzeugen. Voraussetzung dafür wäre jedoch, dass sie über eine Erlaubnis zum Betrieb von Versicherungsgeschäften verfügen, was die aufsichtsrechtlich geforderte Kapitalisierung erfordert.

Fazit und Ausblick

Die BDAI-Studie ist nur ein (wichtiger) Anfang. Beleg hierfür ist folgende Erkenntnis der Studie: Aktuell sei keine quantitative Aussage zu den BDAI-induzierten Markteffekten möglich. Ebenso wenig sei vorherzusehen, ob der Versicherungsmarkt insgesamt wüchse oder kleiner würde, denn durch den Einsatz von BDAI könnten sich saldierende Effekte ergeben. Daneben käme hinzu, dass sich etwaige BDAI-induzierte Markteffekte mit weiteren großen Trends wie der Entwicklung selbstfahrender Kraftfahrzeuge und dem gesteigerten Interesse an Cyberversicherungen überlagern könnten. Damit dieser Anfang jedoch nicht im Sand verläuft, plant die BaFin einen intensiven Dialog zum Themenkomplex Big Data und künstliche Intelligenz, für den die Studie als Grundlage dienen soll: Die BaFin will die Studie und die darin enthaltenen Leitfragen demnächst zur Konsultation stellen. Zum Start der Konsultation werden weitere Informationen auf der Internetseite der BaFin veröffentlicht.