Mit dem Präsidialerlass Nr. 583 1 wurden spezielle Wirtschafts­ maßnahmen (Sanktionen) gegen die Türkei angeordnet. Ein­ geführt wurden Importverbote für bestimmte türkische Waren, das Verbot des Verkaufs touristischer Leistungen und des Charterluftverkehrs zum Besuch der Türkei, das Verbot der Einstellung türkischer Staatsbürger oder deren Beauftragung durch zivilrechtliche Verträge in Russland. Der visafreie Reise­ verkehr mit der Türkei wurde aufgehoben.

Einer der am stärksten betroffenen Wirtschaftsbereiche ist die Baubranche, wo türkische Unternehmen und Fachleute  seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine starke Position aufgebaut haben. Nach den Statistiken umfasst das „türkische Segment“ auf dem russischen Baumarkt ca. 300 Unternehmen mit einem Auftragsvolumen von ca. USD 50 Milliarden, insbe­ sondere für prestigeträchtige private und staatliche Projekte. Türkische Baufirmen genießen als Auftragnehmer (Generalauf­ tragnehmer, Subunternehmer) für Bauprojekte einen guten Ruf hinsichtlich des Preis­Leistungs­Verhältnisses.

Was ist jetzt von russischen Auftraggebern bei der Zusammen­ arbeit mit türkischen Baufirmen oder von russischen Arbeitgebern bei der Einstellung türkischer Fachkräfte zu berücksichtigen?

1.     Verbot bestimmter Tätigkeitsarten

Zur Umsetzung des Präsidialerlasses Nr. 583 wurde die Regie­ rungsverordnung Nr. 1457 vom 29. Dezember 2015 2 verabschiedet. Sie definiert die Arbeiten und Dienstleistungen, die in der Russi­ schen Föderation seit dem 1. Januar 2016 von türkischen Unter­ nehmen sowie Unternehmen, die von türkischen Unternehmen bzw. Staatsbürgern kontrolliert werden (kontrollierte Unterneh­ men), nicht mehr ausgeführt bzw. erbracht werden dürfen.

Im Baubereich betrifft dies insbesondere folgende Tätigkeiten:

  • Bau von Gebäuden und Ingenieurbauten;
  • Ausführung von fachspezifischen Bauarbeiten;
  • Tätigkeit auf dem Gebiet der Architektur und ingenieur­ technischen Planung, technischen Prüfungen, Forschungen und Analysen;
  • Ausführung von Arbeiten, Erbringung von Dienstleistungen für den staatlichen und kommunalen Bedarf.

Die jeweils verbotenen Tätigkeiten werden gemäß den Codes des Gesamtrussischen Klassenverzeichnisses für Arten von Wirt­ schaftstätigkeiten „OK 029­2014 (KDES Fassung 2)“ festgelegt. Danach betrifft das Verbot alle Haupttätigkeiten im Bereich der Planung, des Baus und der Projektverwaltung sowie die meisten Industrie­ und Zivilbaubranchen, insbesondere:

  • Errichtung von Neubauten;
  • Umbau, Generalsanierung, laufende Reparatur und zusätz­ liche Arbeiten;
  • Bau von Gebäuden zu Wohnzwecken sowie von Gebäuden zu anderen Zwecken, insbesondere Verwaltungs­ und Indus­ triegebäude sowie öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser, Schulen, Hotels, Kaufhäuser, überdachte Sportbauten;
  • Bau von Straßen, Eisenbahnen, U­Bahnen, Brücken, Tunnels und Versorgungsleitungen;
  • ingenieurtechnische Planungen;
  • Leistungen zur Bauprojektverwaltung, Bauüberwachung und Autorenaufsicht (Überwachung der Bauausführung durch den Planer).

Die oben genannten Verbote gelten für sämtliche Formen der vertraglichen Ausgestaltung der Zusammenarbeit mit türkischen Partnern, gegen die die Sanktionen gerichtet sind (Generalauf­ tragnehmern, Subunternehmern).

Die Verbote gelten jedoch nicht für die Arbeiten und Dienstleis­ tungen, deren Ausführungen bzw. Erbringungen durch Verträge vorgesehen sind, die bis zum 30. Dezember 2015 abgeschlossen wurden.

Exkurs: Was ist ein kontrolliertes Unternehmen?

Wann ein Unternehmen als kontrolliert gilt, richtet sich nach Art. 5 Pkt. 1 und 2 des Föderalen Gesetzes über Investitionen in strate­ gische Branchen. 3 Ein Unternehmen gilt als kontrolliert, wenn eines der folgenden Merkmale vorliegt:

  • Die kontrollierende Person (türkischer Staatsbürger oder türki­ sches Unternehmen) verfügt mittelbar oder unmittelbar über einen Stimmenanteil von mehr als 50 Prozent an der kontrol­ lierten Person.
  • Die kontrollierende Person hat das Recht oder die Befugnis, Beschlüsse der kontrollierten Person zu fassen, insbesondere Beschlüsse über die Bedingungen der Geschäftstätigkeit.
  • Die kontrollierende Person ist berechtigt, das Einzelexekutiv­ organ und (oder) mehr als 50 Prozent des kollegialen Exekutiv­ organs der kontrollierten Person zu ernennen, und (oder) hat die bedingungslose Möglichkeit, mehr als 50 Prozent des Direk­ torenrats (Aufsichtsrats) oder eines anderen kollegialen Ver­ waltungsorgans der kontrollierten Person zu wählen.
  • Die kontrollierende Person übt die Befugnisse einer Ver­ waltungsgesellschaft der kontrollierten Person aus.
  • Die kontrollierende Person verfügt mittelbar oder unmittelbar über weniger als 50 Prozent der Stimmzahl der kontrollierten Person, hat aber aufgrund der Stimmverteilung in der kontrol­ lierten Person die Möglichkeit, die Beschlüsse der kontrollier­ ten Person zu bestimmen.

2.     Verbot der Einstellung von Arbeitskräften

Gemäß dem Präsidialerlass Nr. 583 wurde für Arbeitgeber und Auftraggeber von Arbeiten (Dienstleistungen), die nicht in dem durch die russische Regierung festgelegten Verzeichnis (siehe unten) genannt sind, das Verbot eingeführt, ab dem 1. Januar 2016 für eine Arbeitstätigkeit oder die Ausführung von Arbeiten (Erbrin­ gung von Dienstleistungen) Arbeitnehmer aus der Türkei heranzu­ ziehen, die mit den genannten Arbeit­ bzw. Auftraggebern nicht schon am 31. Dezember 2015 in arbeitsrechtlichen und (oder) zivilrechtlichen Beziehungen standen.

Unseres Erachtens gilt dieses Verbot nicht nur für Staatsbürger der Türkei, die einen unmittelbaren Arbeitsvertrag oder zivil­ rechtlichen Vertrag in Russland abschließen  wollen  (wofür ein Arbeitsvisum erforderlich ist), sondern auch für türkische Staatsangehörige, die als Mitarbeiter ausländischer juristischer Personen (Hersteller oder Lieferanten) in Russland Montage­ arbeiten (Montageüberwachungsarbeiten) ausführen (wofür ein Geschäftsvisum des Typs „Technische Wartung“ erforderlich ist).

Mit der Regierungsverordnung Nr. 1458 4 vom 29. Dezember 2015 wurde das Verzeichnis der Unternehmen bestätigt, denen es ab dem 1. Januar 2016 ausnahmsweise erlaubt ist, türkische Staats­ bürger zur Ausübung einer Arbeitstätigkeit und zur Ausführung von Arbeiten (Erbringung von Leistungen) heranzuziehen. In dieses Verzeichnis wurden sowohl russische als auch türkische Unternehmen sowie kontrollierte Unternehmen aus der Bau­ branche aufgenommen (http://government.ru/orders/21227/).

Nach der Regierungsverordnung Nr. 1296 vom 30. November 2015 5 sind die Organe des russischen Föderalen Migrationsdienstes berechtigt, im gesetzlich festgelegten Verfahren und im Rahmen der durch die Regierung festgelegten Einstellungsquote für türki­ sche Staatsbürger, die zum 31. Dezember 2015 in arbeitsrecht­ lichen und (oder) zivilrechtlichen Beziehungen zu russischen juris­ tischen Personen, Organisationen und natürlichen Personen unter russischer Rechtshoheit standen, bestehende Arbeitserlaubnisse zu verlängern bzw. neue auszustellen. Dieses Verfahren gilt jedoch nicht für Repräsentanzen und Zweigniederlassungen aus­ ländischer Unternehmen. Unseres Erachtens besteht zudem das Risiko, dass das oben genannte Verfahren der Verlängerung von Arbeitserlaubnissen nicht für hochqualifizierte Spezialisten und andere Arbeitnehmer aus der Türkei gilt, die ihre Arbeitserlaub­ nis nicht im Rahmen der Quoten erhalten haben (z. B. als Elektro­ ingenieur).

Sehr verbreitet ist darüber hinaus die Praxis der russischen Grenz­ behörden (insbesondere an russischen Flughäfen), Staatsbürgern der Türkei die Einreise nach Russland ohne Angabe von Gründen zu verweigern, selbst wenn diese eine gültige Arbeitserlaubnis besitzen. Die Anfechtung einer solchen Einreiseverweigerung verspricht kaum Erfolg, weil die Grenzbehörden berechtigt sind, die Einreise ohne Angabe von Gründen zu verweigern.

3.     Kein Pardon: was bringen die Sanktionen?

Vor dem Hintergrund der fortbestehenden russisch­türkischen außenpolitischen Spannungen geben die russischen staatlichen Organe zum Schicksal der Bauauftragnehmer auf dem russischen Markt widersprüchliche Erklärungen ab.

In dem Wissen, dass die Sanktionen gegen türkische Unternehmen die Umsetzung vieler wichtiger Projekte in der russischen Wirt­ schaft empfindlich beeinträchtigen könnten, hat das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung den Entwurf einer Verordnung verfasst (https://regulation.gov.ru/projects#npa=45238). Diese eröffnet die Möglichkeit, trotz der Sanktionen Verträge mit türkischen Unternehmen und kontrollierten Unternehmen abzuschließen, auf die die Verbote und Einschränkungen keine Anwendung finden. Grundlage für den Abschluss solcher Verträge bildet ein spezielles, nach den Regeln der Verordnung aufgestelltes Verzeichnis.

Für die Aufnahme in das Verzeichnis muss ein Vertrag bestimm­ ten Kriterien entsprechen, die in den Regeln festgelegt sind. So kann ein Vertrag mit einem türkischen Unternehmen abgeschlos­ sen werden, wenn ein Nichtabschluss die Erfüllung interner oder äußerer Verpflichtungen der Russischen Föderation beeinflusst und keine Möglichkeit besteht, die Waren (Arbeiten, Dienst­ leistungen) gegen solche aus anderen Quellen auszutauschen oder wenn ein solcher Austausch unverhältnismäßig hohe Kosten verursachen würde.

Die Notwendigkeit des Vertragsabschlusses mit einem türki­ schen Unternehmen oder einem kontrollierten Unternehmen und die Aufnahme in das Verzeichnis sind durch den Antragsteller zu begründen, der den Vertrag mit einer türkischen Vertragspartei abschließen will. Dabei muss der Antragsteller bestimmte Doku­ mente vorlegen, die Angaben zum beabsichtigten Vertrag sowie zum türkischen Vertragspartner enthalten.

Über die Aufnahme eines entsprechenden Bauvertrags in das Verzeichnis entscheidet die Behördenübergreifende Kommission beim Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung.

Auch wenn die Gründe für eine Verweigerung des Vertragsab­ schlusses in den Regeln abschließend genannt werden, kann sich eine Verweigerung z. B. daraus ergeben, dass der Lieferant ausgetauscht werden kann, keine „erheblichen  Nachteile“  für ein russisches Unternehmen drohen oder keine Gefahr für die Sicherheit des Landes besteht. Solche Formulierungen erlauben eine weite Auslegung und könnten russische Unternehmen am Abschluss der entsprechenden Verträge mit türkischen Partnern hindern.

Es gibt aber auch gegenläufige Entwicklungen: So hat der rus­ sische Präsident am 25. Januar 2016 auf dem Überregionalen Forum der Gesamtrussischen Volksfront angekündigt, die Be­ schränkungen gegen die Türkei in der Baubranche erweitern zu wollen.

4.     Folgen für die Vertragspraxis

Aus zivilrechtlicher Sicht sind Verträge mit einem türkischen Unternehmen oder einem kontrollierten Unternehmen, die sank­ tionierte Tätigkeiten vorsehen, nach Art. 168 des russischen Zivil­ gesetzbuches unwirksam (nichtig). Nichtige Rechtsgeschäfte begründen – außer den mit der Unwirksamkeit verbundenen Konsequenzen – keine Rechtsfolgen.

Die neuen Sanktionen zwingen Unternehmen, ihre Sanktions­ Compliance anzupassen. In Verträge sind zusätzliche Bedingungen aufzunehmen, die den Abschluss unwirksamer Rechtsgeschäfte verhindern bzw. bei einem Abschluss die vermögensrechtlichen Folgen einer Aufhebung minimieren. Empfehlenswert sind in diesem Zusammenhang folgende Maßnahmen:

  • Verpflichtung des Vertragspartners zur Offenlegung der Besitz­ und Leitungsstruktur seines Unternehmens;
  • Zusicherung des Vertragspartners, dass nicht gegen Sanktionen verstoßen wird;
  • Haftung des Vertragspartners bei Mitteilung falscher Informa­ tionen und unzutreffender Zusicherung von Umständen;
  • Möglichkeit zur Vertragskündigung, wenn falsche Informationen mitgeteilt oder unzutreffende Zusicherungen von Umständen gemacht wurden;
  • Einführung (weiterer) Sanktionen als eigenständiger Grund für eine Vertragskündigung.