Dieser Artikel (PDF, 120 Kb) ist in der Handelszeitung vom 16. Februar 2017 erschienen.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) suggerierte uns in den letzten Jahren, dass sie mit der «Base Erosion and Profit Shifting Initiative» (BEPS) die Steuerumgehung von international tätigen Konzernen unterbinden und dadurch eine faire Besteuerung herbeiführen könne.

Basierend darauf wurden Standards für das sogenannte «Country-by-Country Reporting» (CbCR), das heisst die länderbezogene Berichterstattung, ausgearbeitet, welche mehr Transparenz für konzerninterne Verrechnungspreise versprechen. Die Schweiz hat sich diesem internationalen Druck gebeugt und wollte ihr Steuersystem mit der nun vom Volk abgelehnten Unternehmenssteuerreform III und internationalen Abkommen zum Informationsaustausch an die neuen Gegebenheiten und Anforderungen anpassen.

Bestehende Steuerkonzepte erfassen die Wirtschaft nicht mehr richtig

Es spricht jedoch Vieles dafür, dass bald eine tiefgreifendere Steuerreform notwendig sein wird – nicht nur wegen dem Debakel am vergangenen Sonntag. Vor allem entwickelt sich die Wirtschaft durch die Digitalisierung der Wertschöpfungskette – Stichwort Industrie 4.0 – in eine Richtung, welche sich mit bestehenden Besteuerungskonzepten und auch mit BEPS bald nicht mehr erfassen lässt.

Ich nenne dies die «Unternehmenssteuerreform 4.0». Und ich plädiere für eine komplette Abschaffung der Unternehmenssteuern. Und zwar aus folgenden drei Gründen:

  • Die OECD hat sich von der konsensorientierten, liberalen Marktwirtschaftsorganisation zum Erfüllungsgehilfen hochverschuldeter Grossnationen entwickelt. Sie schliesst unter dem Deckmantel der Fairness den Steuerwettbewerb zwischen den Staaten aus und raubt diesen ihre finanzielle Souveränität.Damit wird aber die Verteilung der Steuereinnahmen nicht fairer, sondern willkürlicher. Steuern und Abgaben steigen, ohne dass sich dabei die Qualität der Staatsdienstleistungen verbessert. Regulierung und Bürokratie nehmen zu, die Beamtenapparate bauen ihre Macht aus. Wirtschaftswachstum wird im Keime erstickt, die Schattenwirtschaft wächst.
  • Die Wertschöpfungskette der Industrie 4.0 wird sich jedoch derart verändern, dass die bekannten Besteuerungsregeln bald nicht mehr greifen. Diese Regeln sehen vor, dass Gewinne dort besteuert werden sollen, wo die für die Wertschöpfung relevanten Funktionen physisch durch Mitarbeiter ausgeübt werden – also am Firmensitz oder in den diversen Betriebsstätten.Das ist ein System von gestern, welches schon mit der Realität von heute seine liebe Mühe hat. Für die Zukunft wird es aber unbrauchbar sein, da sich Wertschöpfungsfunktionen nicht mehr so einfach örtlich zuordnen lassen: Die Unternehmen der Zukunft werden ohne Firmensitz dezentral geführt werden.Transaktionen werden anonym, aber transparent auf einem dezentralen Netzwerk, der sogenannten Blockchain, abgewickelt, ohne dass das Unternehmen einen eigenen Server betreiben muss. Forscher werden auf globaler Ebene am gleichen Projekt arbeiten können, ohne dass eine eigene Laborinfrastruktur notwendig sein wird. Roboter werden Teile zusammenbauen, ohne dass ein Mitarbeiter eingreifen muss. 3D-Printer können beim Kunden vor Ort Produkte herstellen, ohne dass eine Fabrik erstellt werden muss. Und Kunden können über das Internet Dienstleistungen und Waren beziehen, ohne dass ein Ladenlokal bestehen muss.Kurz: Unternehmerischen Funktionen sind in Zukunft nicht mehr ortsgebunden. Eine länderbezogene Berichterstattung – und eine entsprechende Besteuerung – wird unter diesen Umständen nur noch schwer möglich sein.
  • Schliesslich ist die Berechtigung der Unternehmensbesteuerung ganz grundsätzlich zu hinterfragen. Unternehmen sind nämlich rein rechtliche Konstrukte, welche selber ohne menschliches Zutun gar nicht handlungsfähig wären.Ohne Gründer würde das Unternehmen gar nicht bestehen. Ohne Geschäftsleitung könnte es nichts entscheiden. Ohne Kapitalgeber könnte es seine Visionen nicht umsetzen. Ohne Mitarbeiter würde es nichts produktives Erarbeiten. Und ohne Kunden könnte es nichts verkaufen.Kurz gesagt: Der Staat besteuert ein Subjekt, welches von Personen geführt und betrieben wird, die selber bereits besteuert werden. Dies führt zu einer Doppelbesteuerung und ist volkswirtschaftlich ineffizient. Zumal auch die Unternehmenssteuern schliesslich von den natürlichen Personen getragen werden müssen – überwälzt durch reduzierte Dividenden, tiefere Löhne oder höhere Preise. Wäre es da nicht klüger, nur die natürlichen Personen zu besteuern? Den Eigentümer auf seinen Dividenden, den Geschäftsführer auf seinen Bezügen, den Kapitalgeber auf seinen Zinsen, den Mitarbeiter auf seinem Lohn und den Kunden auf seinem Konsum – durch die Mehrwertsteuer.Einbehaltene, wieder investierte Gewinne der Unternehmen blieben steuerfrei. Für die Nutzung der lokalen Infrastruktur wären selbstverständlich die erforderlichen kostendeckenden Gebühren zu leisten.

Firmen dort ansiedeln, wo die besten Leute sind, nicht die Steuern tief

Der Firmensitz bliebe dabei irrelevant. Die unternehmerische Tätigkeit würde dann wieder dort ausgeübt, wo die besten Mitarbeiter für diese betreffende Funktion zu finden sind – und nicht am Standort mit den tiefsten Steuern.

Dies würde für mehr Wertschöpfung sorgen und wiederum Arbeitsplätze schaffen, was aus staatlicher Sicht der Primärnutzen von Unternehmen sein sollte. Global umgesetzt würden BEPS, CbCR und andere multilaterale Regulierungsbestrebungen obsolet.

Trotz dem Risiko, dass meine eigene Jobsicherheit damit rapide sinkt, fordere ich daher die Abschaffung der Unternehmenssteuern im Rahmen der Unternehmenssteuerreform 4.0. Ein rigoroser Systemumbau ist volkswirtschaftlich sinnvoller als die ineffiziente Regulierungswut diktiert von undurchsichtigen bürokratischen Organisationen mit bedenklicher demokratischer Legitimation.