Regulatorische Anforderungen beeinflussen stark die zukünftige Ausrichtung des Wertpapiergeschäfts von Kreditinstituten

Durch die regulatorischen Anforderungen der MiFID II/MiFIR, die in den nächsten Monaten von den Kreditinstituten umzusetzen sind und ab 1. Januar 2017 angewendet werden müssen, werden die Produkt- und Vertriebsprozesse von Kreditinstituten stark beeinflusst. Durch neue regulatorische Anforderungen werden Wertpapiervertriebsprozesse deutlich teurer. Das Rennen um zukunftsfähige Vertriebsprozesse wird gewinnen, wer die regulatorischen Anforderungen am besten beherrscht und umsetzt.

In den vergangenen Jahren haben die Anforderungen an das Wertpapierkundengeschäft von Kreditinstituten deutlich zugenommen. Als Beispiel hierfür sind insbesondere das Anfertigen von Anlageberatungsprotokollen sowie auch die Aushändigung von Produktinformationsblättern und wesentlichen Anlegerinformationen zu nennen. Anlageberater, die direkt mit dem Kunden sprechen, sind kaum noch in der Lage, die regulatorischen Anforderungen so umzusetzen, dass der Kunde ein für ihn geeignetes und zufriedenstellendes Produkt erhält.

Zudem wird es für die Kreditinstitute immer schwieriger, die regulatorischen Bestimmungen für Produktgenehmigungs- und Vertriebsprozesse so zu erfüllen, dass es weiterhin möglich bleibt, Produkte dem Retailkunden zu verkaufen. Es bleibt daher abzuwarten, welche Kreditinstitute die regulatorischen Anforderungen, insbesondere aus der MiFID 2/MiFIR am besten und kostenschonendsten umsetzen können.

Die MiFID 2 wird in den folgenden Punkten, zu denen ESMA bereits 2014 umfangreiche Vorgaben gemacht hat, besonderen Einfluss auf die kundenbezogenen Wertpapierbetriebsprozesse haben:

  • Telefonaufzeichnungspflicht für Gespräche über sämtliche Kommunikationsmittel, über die Wertpapierorders platziert werden können. Dies ist nach derzeitigem Erkenntnisstand auch auf die Anlageberatung bezogen.
  • Erstellung von Geeignetheitsprotokollen, die sicherstellen, dass das Produkt zum Kunden passt. Ob dies dem deutschen Anlageberatungsprotokoll entsprechen wird, ist aus europäischer Sicht noch ungewiss.
  • Produktgenehmigungsprozesse (Product-Governance-Prozesse und die Definitionen von Zielmärkten): Aus Sicht der ESMA sind die Produktemittenten sowie auch die Vertriebsstellen dafür verantwortlich, Produktgenehmigungsprozesse so aufzustellen, dass am Ende dieser Prozesskette der Kunde einem bestimmten Zielmarkt zugeordnet werden kann. Dies stellt sicher, dass das Produkt zum Kunden passt.
  • Eine klassische Nachberatungspflicht ist derzeit nicht mehr in der Diskussion, allerdings werden viele Informationspflichten gegenüber dem Kunden dazu führen, dass faktisch eine Nachinformationspflicht besteht. Dies wird ebenfalls die Wertpapiervertriebsprozesse deutlich verteuern.
  • Die Zahlung und der Empfang von Zuwendungen werden nach derzeitiger Diskussionslage zwar weiter erlaubt bleiben, aber die Anforderungen an die Zulässigkeit von Zuwendungen werden erhöht. Ferner werden bei Vermögensverwaltungen ab 2017 Zuwendungsempfänge nicht mehr möglich sein. Hier besteht ein Zuwendungsverbot.

Bereits seit August 2014 existiert das deutsche Honoraranlageberatungsgesetz. Dies ist aber nicht deckungsgleich mit den Anforderungen aus der MiFID 2. Die Honoraranlageberatung soll eine unabhängige Anlageberatung auf Honorarbasis darstellen. Im Rahmen der Honoraranlageberatung erfolgt ausschließlich eine Beratungsdienstleistung; der Verkauf von Produkten muss über andere Stellen erfolgen. Dies soll Interessenkonflikte (Zahlung von Zuwendungen von Produktemittenten) verhindern und eine unabhängige Beratungsleistung verkörpern. Nach derzeitiger Einschätzung sind aber die im Fokus stehenden Anleger nicht in der Lage, mit den derzeit diskutierten Strukturen für Honoraranlageberatung in den empfohlenen Produkten Gewinne zu erzielen, so dass die Kosten für den Anlageberater in der Regel höher sein werden als die sonst erzielbaren Gewinne. Sofern die Honoraranlageberater nicht bereit sind, niedrige Sätze für die Honoraranlageberatung zu vereinbaren, ist es unklar, wie die Honoraranlageberatung ausreichend zu finanzieren ist.

Derzeitige Reaktionen von Kreditinstituten im Wertpapierkundengeschäft:

  1. Kreditinstitute denken darüber nach, die Vermögensverwaltungseingangsschwellen deutlich zu senken, so dass viele Kunden in die Vermögensverwaltung abwandern könnten. Dies hätte den Vorteil, dass derzeit weniger regulatorische Anforderungen als bei der Anlageberatung zu beachten wären. Allerdings ist bei der Vermögensverwaltung zu berücksichtigen, dass ab 2017 Zuwendungen nicht mehr angenommen werden dürfen, so dass dieses Modell nicht dauerhaft tragfähig wäre. Nicht alle potenziellen Kunden werden das für eine Vermögensverwaltung notwendige liquide Vermögen zur Verfügung haben, um diese Wertpapierdienstleistung in Anspruch nehmen zu können. Die im Rahmen einer Vermögensverwaltung notwendige und sinnvolle Asset Allocation und Risikodiversifizierung bedarf eines gewissen Volumens und damit eines bestimmten liquiden (Mindest-) Vermögens.
  2. Retailanleger mit einer typischen Retail-Order-Size von über 10.-15.000 Euro pro Order (was teilweise in ländlichen Gebieten schon viel ist) werden von Kreditinstituten mit der Anlageberatungsdienstleistung nicht mehr versorgt werden können, da die oben angesprochenen neuen, zusätzlichen Anforderungen zu kostenintensiv wären. Viele Kreditinstitute werden sich somit darauf zurückziehen, diesen Kunden nur noch beratungsfreies Geschäft anzubieten. Der politisch gewünschte Anlagerschutz findet damit faktisch nicht mehr statt.
  3. Die Lücke unterhalb der Vermögensverwaltung wird man mit sogenannten Vermögensbetreuungsverträgen zu schließen versuchen. Dies bedeutet, dass diese Konstellationen zwar noch keine Vermögensverwaltung darstellen (der Kunde somit selbst noch über die Auswahl seiner Wertpapiere entscheidet), allerdings die Bank ihre Informationspflichten und auch weiteren Dienstleistungen dem Kunden so anbietet, dass dafür eine Bezahlung durch den Kunden stattfindet. In diesem Segment wird zukünftig ein Großteil des Geschäfts erfolgen, sofern der Retailkunde bereit ist, dafür eine entsprechende Gebühr zu bezahlen und zu akzeptieren, dass er selbst nicht die Anlageentscheidungen trifft. Die zukünftige Konstellation muss natürlich so ausgestaltet sein, dass sie weder eine Anlageberatung, noch eine Honoraranlageberatung, noch eine Vermögensdienstleistung darstellt. Ansonsten gelten die regulatorisch hierfür vorgesehenen Anforderungen.

Daher suchen viele Kreditinstitute Beratung zu folgenden Fragen:

  1. Wie können gleichzeitig die (neuen) regulatorischen Anforderungen weiter erfüllt und das Wertpapierkundengeschäft in der Fläche aufrechterhalten werden?
  2. Wird es erforderlich sein, zentrale Wertpapierberatungsdienstleistungsstellen zu schaffen, um insbesondere den Telefonaufzeichnungspflichten in der Fläche entgegenzutreten und diese kostengünstig - evtl. nur durch die Nutzung zentraler Call Center - zu erfüllen? Hier wird auch derzeit die Konstellation einer bilateralen Beratung per Videokommunikation intensiv diskutiert.
  3. Wie können Finanzportfolioverträge so ausgestaltet werden, dass unter Berücksichtigung von Behaltensklauseln für Zuwendungen diese rechtssicher für den Kunden eingesetzt werden können? Der Trend geht hierbei dorthin, die Vermögensverwaltungsschwellen für Kunden deutlich herabzusenken.
  4. Wie kann das „strategische Gap“ (Lücke) geschlossen werden, wenn der Kunde aufgrund seines Volumens (noch) nicht in der Lage ist, Vermögensverwaltungsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen, aber über so viel Volumen verfügt, dass er nicht mehr nur beratungsfrei agieren kann/möchte. Hier ist die oben genannte Form der „Vermögensbetreuung“ das Mittel der Wahl. Viele Kreditinstitute fordern derzeit verstärkt die Beratung zur Ausgestaltung dieser Vermögensbetreuungsverträge.
  5. Wie kann eine Lösung der angesprochenen Feststellungen für die jeweiligen Kreditinstitute ideal in die derzeit laufenden Umsetzungsprojekte von MiFID 2/MiFIR, aber auch MAD 2/MAR, so erfolgen, dass weiterhin das Wertpapierkundengeschäft kostenschonend aus Sicht der Kreditinstitute angeboten werden kann?

Fazit

Die regulatorischen Fragestellungen münden derzeit in strategische und geschäftspolitische Überlegungen bei den Kreditinstituten. Bei solchen Überlegungen kann es sehr hilfreich sein, nicht nur über juristisches Fach-Know-How zu verfügen, sondern auch über Erfahrungen, die in Inhouse-Positionen gesammelt wurden. Die Kombination von Fach-Know-How und InhouseKenntnissen zu relevanten Prozessen erlaubt eine intensive Beratung sowohl in den Projektbegleitungen als auch in den strategischen Fragestellungen zur Umsetzung regulatorischer Anforderungen.