Vietnams Finanzsystem bleibt schwach und schlecht reguliert. Der Mangel an finanzieller Transparenz und die Nichteinhaltung international akzeptierter Standards seitens vietnamesischer Firmen gehören zu den vielen Herausforderungen, denen der Plan der GVN begegnet, den inländischen Aktien- und Wertpapiermarkt als Platz für Firmen zur Kapitalbeschaffung im Inland zu erweitern. Der Banksektor ist unterentwickelt, momentan ist er Ziel einer nationalen Restrukturierungsinitiative für hohe notleidende Kredite (non-performing loans, NPL) und andere strukturelle Probleme. Ende März 2012 hatten nur 20% der in Vietnam Ansässigen ein Bankkonto. Die meisten inländischen Banken sind unterkapitalisiert und halten Berichten zufolge eine große Anzahl von NPLs. Nach vietnamesischen Rechnungslegungsgrundsätzen lag die offizielle NPL-Rate am 30. September 2012 bei 8,82%. Die staatlich gelenkte Kreditvergabe von Handelsbanken in Staatsbesitz und Kreditvergabe an nahestehende Parteien nach handelsfremden Kriterien bleiben bei ausländischen Investoren und sonstigen finanziellen Analysten ein Grund zur Sorge.

Der vietnamesische Bankenmarkt ist an der Spitze hoch konzentriert und hat am unteren Ende fragmentarischen Charakter. Die vier größten Banken (Vietcombank, Vietinbank, Bank für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Vietnambank für Investment und Entwicklung) stehen im Staatsbesitz oder befinden sich mehrheitlich in staatlicher Hand, tragen – nach Zahlen vom Dezember 2011 – etwa 58% zum inländischen Kreditwesen bei, bilden 46% aller Aktiva und 37% des Eigenkapitals im Bankensektor. Unter den genannten Banken ist die Bank für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung die größte mit einem Aktivvermögen von 560 Billionen VND (etwa 26,7 Milliarden USD). Vietnams 38 „Joint Stock Commercial Banks“ sind alle kleiner als die staatlichen Handelsbanken, aber gewinnen allmählich Marktanteile.

Vietnamesische Banken müssen ein Minimum an Statuskapital von 3 Billionen VND (etwa 143 Millionen USD) aufrechterhalten. Die GVN hat Bankreformen initiiert, um die Effizienz des Bankensystems zu verbessern, insbesondere durch „Equitization“ (oder Privatisierung) von im Staatsbesitz stehenden Handelsbanken. Die Vietcombank und die Vietinbank führten im Dezember 2007 bzw. Dezember 2008 Börsengänge (initial public offerings, IPO) durch und wurden beide 2009 an der vietnamesischen Börse notiert. Die Bank für Investment und Entwicklung wurde am 28.Dezember 2008 „equitisiert“. Der Staat bleibt der kontrollierende Anteilseigner an diesen Banken. Im Jahre 2008 gewährte die Staatsbank von Vietnam zum ersten Mal den folgenden ganz in ausländischer Hand stehenden Banken Lizenzen: HSBC, Standard Chartered Bank, ANZ, Hong Leong und Shinhan Vina. Die gegenwärtige Obergrenze für ausländische Inhaberschaft in einer lokalen Joint-Stock-Bank liegt bei 30% des gesamten Statuskapitals für 100% ausländische Inhaberschaft und bei 15% für einen ausländischen Anteilseigner, bzw. 20% im Falle der Genehmigung durch das Premierministerbüro.

Der vietnamesische Aktienmarkt hat zwei Börsenhandelsplätze: die Ho Chi Minh City Börse (HOSE) und die Hanoi Börse (HNX). Am 26.Dezember 2012 waren an der HOSE 308 Aktienwerte mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von etwa 10,78 Milliarden Dollar notiert, ferner waren 395 Unternehmen an der HNX mit einer gesamten Marktkapitalisierung von etwa 4 Milliarden Dollar. Die Mehrheit der börsennotierten Firmen sind frühere SOE, die eine teilweise Privatisierung („equitization“) erfahren haben. Ein neues Börsenparkett für nicht notierte öffentliche Unternehmen (UPCOM) wurde am Hanoier Wertpapier-Zentrum im Juni 2009 lanciert. Ende 2011 waren 132 Unternehmen bei UPCOM notiert. Im September 2009 wurde ein separates Handelsparkett für Staatsanleihen errichtet.

i.Wettbewerb durch staatliche Unternehmen (SOEs)

Der Anteil der SOEs an Produktionsfaktoren ist im letzten Jahrzehnt stetig gesunken. Im Jahr 2000 hatten die SOEs fast 68% des Kapitals, 55% der Sachanlagen (wie etwa Grund und Boden), 45% des Bankkredits und 59% der Arbeitsplätze im Unternehmenssektor inne. Diese Prozentsätze sind in den letzten zehn Jahren stetig gesunken. 2009 war der Kapitalanteil der SOEs auf 39% gefallen, die Sachanlagen auf 45%, Bankkredite auf 27% und die Beschäftigung im Unternehmenssektor auf 19%. Der starke Rückgang an Anteilen bei der Beschäftigung von 59% auf 19% war darauf zurückzuführen, dass viele arbeitskraftintensive SOEs equitisiert wurden und inländische private und ausländische öffentliche Unternehmen ihre Arbeitskräfte aufgestockt haben. SOEs dominieren nach wie vor in allen strategischen Sektoren, etwa Öl und Gas, Telekommunikation, Elektrizität, Bergbau und Versicherungswesen.

2005 gründete die GVN die Staatliche Kapitalinvestitionsggesellschaft (State Capital Investment Corporation, SCIC), um die staatlichen Anteile an SOEs zu repräsentieren, die SCIC war dabei für das Management, die Restrukturierung und die staatlichen Handelsinteressen über den Prozess der Equitisierung und Privatisierung zuständig. Bis 2015 will die SCIC mehr als 1000 staatliche Unternehmen privatisieren oder in Equity umwandeln, aber 2012 war der geplante Fortschritt ins Stocken geraten. Die SCIC hat auch die Aufgabe, die SOE-Reform zu beschleunigen und das Management der in ihrem Portfolio enthaltenen Unternehmen zu verbessern. Das Unternehmensgesetz von 2005 verpflichtet alle SOEs, ihre Unternehmensstruktur so zu ändern, dass sie ab dem 01.Juli 2010 in demselben gesetzlichen Rahmen und Regelwerk operieren können wie alle anderen Unternehmensarten. Allerdings besteht Bedarf an signifikanten zusätzlichen SOE-Reformen, um den privaten Sektor auf ein Wettbewerbsniveau mit den SOEs zu bringen. 2010 ging das stattliche Schiffbauunternehmen Vinashin wegen Missmanagement und beträchtlicher Investitionen in andere als den Kernsektor bankrott. Dieses Ereignis weckte im Inland und international Bedenken hinsichtlich der Effizienz und dauerhaften Tragfähigkeit eines ökonomischen Modells, das von einem dominanten staatlichen Sektor vorangetrieben wird. Vietnam gestattet ausländischen Investoren, am Equitisierungsprozess teilzunehmen (gemäß Dekret 59 aus dem Jahre 2011), vorbehaltlich anderer gesetzlicher Bestimmungen, die die Teilnahme von ausländischen Investoren an dem genannten Prozess beschränken, wie etwa Obergrenzen für Kapitalbeteiligung. SOEs sind erst kürzlich autorisiert worden, Anteile an strategische Investoren vor dem IPO (Börsengang) zu verkaufen. Der Parkettpreise für Aktien, die an strategische Investoren verkauft werden, darf jedoch nicht niedriger sein, als der von der Ministerialbehörde festgelegte.

Im Juli 2012 begann Vietnam offiziell mit der Ausführung des SOE-Restrukturierungsplans, dabei lag der Schwerpunkt auf der Restrukturierung von staatlichen Unternehmensgruppen, Ziel war die Verbesserung der Effizienz und die Stärkung der maßgebenden Rolle des Staatssektors in der Wirtschaft. Dennoch wird ein klarerer Aktionsplan gebraucht, um die Restrukturierung umfassend zu beginnen und in genügender Weise umzusetzen.